Jägerlippenhaus

Kindheit in Haimhausen: Das alte Schulhaus

Jägerlippenhaus, Armen-Mädchenhaus der Gräfin Viktorine Butler-Haimhausen,
Dachauer Str. 4, ehemalige Hausnummer Ottershausen 1

Das Jägerlippenhaus
In der Bayerischen Denkmalliste ist das Haus als zweigeschossiges Gebäude mit Walmdach und erdgeschossigem Anbau mit Satteldach um 1850/60 aufgeführt. Es wurde 1730 für den Hofmarksjäger Ambrosius Müller und seine Familie gebaut, die von dem Jägerhaus (heutiges Bruckmeierhaus, Dorfstraße 24) hierher umzogen. Auf seinen Sohn Philipp (1740-1815), geht vermutlich der Hofname zurück. Ein Teil des Vornamens und der Beruf Philipps, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und ebenfalls Hofmarksjäger wurde, führten zur Bezeichnung „Jägerlippenhaus“. Der Name wurde wohl nach 1772 üblich, dem Jahr als Apollonia, die Witwe von Ambrosius Müller, das Haus mit den dazugehörigen Grundstücken ihrem Sohn Philipp übergab. 1810 wurden Haus und Grundstücke an den Münchener Stadtapotheker und Stadtrat Michael Vogel (1756-1839) verkauft, dem Besitzer der dortigen Mohrenapotheke. [1] Vogel und seine Familie nutzten den neuen Besitz als Landhaus.

Der Münchener Stadtrat und Apotheker Michael Vogel im Jahre 1816, Lithographie, Besitzer des Jägerlippenhauses von 1810 bis 1819, Stadtarchiv München

Das Schulhaus
Der Verkauf des Jägerlippenhauses, das auch über einen angebauten Stall verfügte, erfolgte im Jahre 1819. Der Käufer, Sigmund Graf Butler von Clonebough gen. Haimhausen [2], ließ das Haus noch im gleichen Jahr zu einem Schulhaus umbauen. 

Wappen des Sigmund Joseph Hubert Graf Butler von Clonebough, gen. Haimhausen. Das Wappen der Grafen Butler von Clonebough mit ihrem Wahlspruch „Dum spiro spero“ – „Solange ich atme, hoffe ich“, Ortsarchiv Haimhausen.

Der Wahlspruch stammt ursprünglich aus einem Brief des römischen Philosophen Marcus Tullius Cicero (106 - 43 vor Christus) an seinen ehemaligen Schulkameraden Atticus.

Sigmund Graf Butler gab als Grund dafür, warum das bestehende alte Schulhaus in der Dorfstraße 5 seiner Meinung nach nicht weiter genutzt werden konnte, dessen Baufälligkeit an. [3] Entgegen der Ansicht des Grafens wurde das 1788 gebaute erste Schulhaus erst 2019 abgebrochen. 

Die Eröffnung des neuen Schulhauses in der Dachauer Straße fand am 25. November 1819 statt. Der östliche Gebäudeteil beherbergte im Erdgeschoss die Schulleiterwohnung und im ersten Stock die Wohnung für einen Hilfslehrer, der jedoch erst 24 Jahre später eingestellt wurde. Der Unterrichtssaal für rd. 100 Schüler war im südwestlichen Teil untergebracht. Das äußere Erscheinungsbild des Hauses hat sich seit damals im Wesentlichen kaum verändert. Von 1819 bis 1852 war Johann Michael Sternegger hier Lehrer, und er beschrieb 1822 die neue Schule als ein ebenso schönes, wie zweckmäßiges Gebäude, einem Schlösschen nicht unähnlich: „Umgeben von freundlich angelegten Büschen, durch welche schön angelegte Wege, mit weißem Sand beschüttet führen, scheint es das Lustschlösschen eines Gartens zu sein, und mancher Vorbeireisende erkundigte sich schon um [nach] dem Besitzer dieses Gebäudes, länger es beobachtend.“ [4]

Das alte Schulhaus im Jahre 1938, Fotoarchiv im Ortsarchiv Haimhausen

Die Schulkinder
Seit 1802 besteht in Bayern die allgemeine Schulpflicht, bis zum Ersten Weltkrieg unter der Schulaufsicht von Geistlichen. Die Werktagsschule, in der Kinder vom 6. bis zum 12. Lebensjahr unterrichtet wurden, besuchten in Haimhausen rund 100 Schüler. Für die älteren Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren gab es sonntags die Feiertagsschule, da viele werktags schon arbeiten mussten. „Die Kinder sehen gesund aus und sind reinlich gekleidet. Die Mehrzahl der Familien unterstützt die Schule in ihrem Wirken“, wusste der Pfarrer in seiner Funktion als Lokalschulinspektor zu berichten. [5] Jedes Jahr fand eine „Hauptprüfung der Schuljugend“ statt, bei der alle Schüler „unausbleiblich“ zu erscheinen hatten. Während eines jährlichen großen Schulfestes wurden Preise verteilt. Bewertet wurden Betragen, Fleiß, regelmäßiger Schulbesuch und schulische Leistungen. Aus der Hand der Gräfin oder des Grafen erhielten die Preisträger Bücher religiösen oder erbaulichen Inhalts, aber auch praxisbezogene Werke über Obstbaumschnitt und Bienenzucht. [5]

1852 ließ Theobald Graf Butler von Clonebough gen. Haimhausen (1803-1879), Erbe und Nachfolger des Sigmund Graf Butler, in der Pfarrstraße 7 ein neues Schulgebäude bauen, da die bestehende Schule zu klein geworden war. Es fand jedoch noch bis 1862 auch im alten Schulgebäude weiter Unterricht statt, obwohl die neue Schule, in unmittelbarer Nähe der Kirche und des Pfarrhofes in Haimhausen gelegen, bereits 1854 fertiggestellt wurde.

Viktoria Gräfin Butler von Clonebough, genannt Haimhausen und das „Armen-Mädchenhaus“
Theobalds Ehefrau, die Sozialreformerin, Frauenrechtlerin, Philanthropin und Gründerin von 10 sozialen Einrichtungen sowie konfessionell gebundenen, sozial tätigen Frauenvereinen, Viktoria Xaveria Gräfin Butler von Clonebough, genannt Haimhausen (1811-1902), fand 1862 eine für sie charakteristische Verwendung des nunmehr nicht mehr gebrauchten Schulgebäudes. Sie richtete hier das „Armen-Mädchenhaus“ ein, in dem mittellose Mädchen zu „christlichen und ordentlichen Dienstboten“ ausgebildet wurden und somit eine berufliche Perspektive hatten. Dies geschah mit dem Vorsatz, den so ausgebildeten Mädchen im Schlossgut Schönbrunn bei Röhrmoos Arbeit zu geben, dessen Gebäude Viktorine noch in demselben Jahr erwarb, um dort eine neue Armen- und Behinderten-Anstalt zu gründen. Geleitet wurde das Ottershauser Haus von Laienschwestern der von ihr gegründeten „Assoziation der Diener und Dienerinnen Gottes“, aus denen später die Franziskanerinnen von Schönbrunn hervorgingen. [6]

Viktoria [Viktorine] Xaveria Gräfin Butler von Clonebough, genannt Haimhausen in den 1860er Jahren, Ortsarchiv Haimhausen

Die weiteren Besitzer
Viktorine und Theobalds Sohn, der ebenfalls den Vornamen Theobald (1836-1922) trug, verkaufte 1892 den Butler’schen Besitz in Haimhausen an den Industriellen im Ruhestand Eduard James Haniel (1844-1904), 1893 in den bayerischen Adelsstand als Haniel von Haimhausen erhoben. Das Haus wurde 2006 von den Nachfahren des E. J. Haniel verkauft. 

Vorderansicht des alten Schulhauses im Jahre 1938, Fotoarchiv im Ortsarchiv Haimhausen

[1] Markus Bogner: Haus- und Hofchronik von Haimhausen, 1999/2006, unveröffentlicht; Ortsarchiv Haimhausen

[2] Sigmund Joseph Hubert Graf Butler von Clonebough gen. Haimhausen, *05.11.1775, †17.11.1831

[3] Theobald Carl Sigmund Graf Butler von Clonebough gen. Haimhausen (*19.01.1803, †29.06.1879), Erinnerungen, handschriftliches Manuskript; Ortsarchiv Haimhausen

[4] Markus Bogner: Chronik von Haimhausen, Haimhausen 1992, S. 41-42

[5] Markus Bogner: Chronik von Haimhausen, Haimhausen 2003, S. 42-43

[6] Huber-Sperl: Gräfin Viktorine von Butler-Haimhausen (1811-1902). Wohltäterin - Sozialreformerin - Frauenrechtlerin, in Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (ZBLG) 62, München 1999, S.180-181